Wie schlau sind die Magdeburger?

Politikwissenschaftler Herfried Münkler: „Große Teile des Volkes sind nicht besonders informiert, geben sich auch keine Mühe, glauben aber dafür umso besser genau zu wissen, was der Fall ist. Also: sie sind dumm.“ Das Wort „Volksverdummung“ verwendete Sachsen-Anhalts AfD-Chef, André Poggenburg, am 22. März in einem Beitrag im Netzwerk Twitter. Der Begriff fällt in der AfD häufiger. Offensichtlich soll damit zum Ausdruck kommen, dass konträre Meinungen von minderer intellektueller Natur seien. Fraglich ist die Verwendung von Dümmlichkeitstiteln im Zusammenhang mit dem Wort Volk im Selbstverständnis von AfD-Politikern. Schließlich maßen sich gerade diese ein besonders lautstarkes Volksvertretungsrecht an. Allerdings steht die rechte Partei mit derartigen Etikettierungen nicht allein da. In der politischen Diskurs-Sphäre schauen Diskutanten oft in selbsterhöhender Weise nach unten. Eine häufig verwendete Spruchformel wie „unsere guten Konzepte sind bei den Wählern nicht richtig angekommen“ erweckt den Anschein, als ob Bürger nicht die Spreu vom Weizen trennen könnten.
An dieser Stelle sollen erfasste Bildungsabschlüsse in Magdeburg einen Aufschluss über das intellektuelle Potenzial in der Landeshauptstadt geben. Im Mikrozensus des Statistischen Landesamtes zählte man 2011 (neuere Zahlen liegen nicht vor) bei 202.820 Personen ab dem 15. Lebensjahr 22.650 Einwohner mit Fachschulabschluss, 18.310 mit einem Fachhochschulabschluss und 19.580 mit Hochschulabschluss. Außerdem wurden 1.790 Bürger mit dem Abschluss einer Berufsakademie erfasst und 3.460, die über eine Promotion verfügen. 99.290 Magdeburger weisen eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung vor. 2011 wurden 37.740 Personen ohne beruflichen Abschluss gezählt. Diese Zahl enthält jedoch alle Schüler an Sekundarschulen und Gymnasien sowie Azubis und Studenten, die mit Hauptwohnsitz in Magdeburg gemeldet sind und natürlich noch nicht über einen Berufsabschluss verfügen können. Natürlich geben die nackten Angaben keine Auskunft über tatsächliche Intelligenzverteilung und Wissensquantitäten. Immerhin dürfen sie als ein Indiz für den Gesamtbildungsstand der Einwohner gelten. Demnach verfügen rund ein Drittel der Magdeburger über einen über die Berufsausbildung hinausreichenden Abschluss. Beachtet werden sollte auf jeden Fall, dass in der großen Gruppe mit Berufsabschluss ausgesprochen intelligente und wissensdurstige Menschen vertreten sind. Handwerker, Verwaltungsangestsellte, Mitarbeiter in medizinischen Berufen etc. verlangen oft nach sehr anspruchsvollen Inhalten. Intelligenz muss nämlich nichts mit beruflicher Qualifikation zu tun haben. Auch unter promovierten Akademikern gibt es welche mit Spezial- oder Teilbegabungen, die nicht zwangsläufig einen herausragenden Intelligenzquozienten verlangen. Von einer überwiegenden Arbeiterprägung Magdeburgs kann heute jedenfalls nicht mehr gesprochen werden.
Betrachtet man Produkte der Medienbranche, bekommt man den Eindruck, als orientierten deren Macher einen inhaltlichen Anspruch an einem gefühlten intellektuellen Durchschnittswert. Dies oder jenes würden Zuschauer, Leser oder Hörer nicht verstehen – ist ein häufig verwendeter Terminus, um Formulierungen und Darstellungen im sprachlichen Niveau zu senken. Dies unterstellte aber, dass Mediennutzer gemeinhin nicht dem journalistischen Anspruch der jeweiligen TV-, Rundfunk- und Zeitungsmacher genügten. Vielleicht ist gerade diese Niveauabsenkung ein wesentlicher Grund dafür, dass sich Menschen von so manchem Medium abwenden. Vor allem die Zeitungsbranche singt hier ein hohes Klagelied. Anstatt gerade für Qualität, inhaltliche Tiefe und umfängliche Darstellung zu stehen, versucht man vielfach der Nachrichtenlage in elektronischen Medien nachzulaufen. Wenn Politikwissenschaftler Herfried Münkler sagt: „Große Teile des Volkes sind nicht besonders informiert, geben sich auch keine Mühe, glauben aber dafür umso besser genau zu wissen, was der Fall ist. Also: sie sind dumm“, unterstreicht dies eine abgehobene Elitenmeinung. Medienleute und Politiker folgen offensichtlich häufiger solchen Wertungen. Unter diesem arroganten Ansatz müssen sie sich nicht wundern, wenn sich kluge Leute abwenden und weniger kluge noch einfachere Darstellungsformen ohne Überheblichkeit als Informationsquelle suchen. Einem qualitativ hohem Informations- und Bildungsanspruch werden derartige Sichtweisen jedenfalls kaum gerecht. Thomas Wischnewski

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