Mauersegler – die Flugkünstler brauchen Hilfe

Ende April werden sie zurück sein, die Mauersegler. Die Flugkünstler jagen mit Geschwindigkeiten um 100 km/h in kleinen Gruppen mit ihrem schrillen „Sriiiii Sriiiii“-Geschrei in rasantem Kunstflug durch Häuserschluchten und über Gärten und Parkanlagen dahin. Bis zur Dämmerung führen sie ihre Flugkapriolen in großer Höhe vor, bis sie auf einmal verschwunden sind. Sie haben sich nun in Nischen in Häuserfassaden, unter lose Dachziegel oder in ihre Nester zurückgezogen, könnte man denken. Aber das ist ein Trugschluss. Sie sind in Höhen um 3.000 Meter aufgestiegen, wo sie selbst mit guten Ferngläsern kaum noch entdeckbar sind. Dort oben bleiben sie über Nacht. Vermutlich schlafen sie im Sinkflug für kurze Zeiten. Können sie, wie die Wale, eine Gehirnhälfte schlafen lassen, während die andere die Wache übernimmt? Vieles von diesen rätselhaften Vögeln ist noch ungeklärt. Aber immerhin wissen wir durch Untersuchungen schwedischer Ornithologen, dass Mauersegler zehn Monate, oder sogar noch länger, ununterbrochen in der Luft bleiben. Nur Brutpaare haben ein paar Wochen regelmäßigen Kontakt mit dem fes-ten Untergrund in ihren Nestern. Bis in ihr drittes Lebensjahr sind Mauersegler Nichtbrüter und somit nahezu ununterbrochen in der Luft. Auch der Geschlechtsakt findet im Fliegen statt.

Mauersegler sind sehr wetterabhängig und können deshalb nur das späte Frühjahr und den Hochsommer bei uns verbringen, etwa von Mai bis Mitte August. Die ersten Heimkehrer beziehen ihre alte Nisthöhle in Mauern und Nischen oder Nistkästen und warten auf die Rückkehr des Partners. Die Männchen und Weibchen eines Paares treffen sich nach neun bis zehn Monaten der Trennung wieder. Über viele Jahre hinweg sind sich die „Ehepartner“ in einer „Orts-ehe“ treu. Wir kennen so etwas auch von den Weißstörchen. Das Winterquartier der Mauersegler liegt in sich ändernden Gebieten, die man als „Innertropische Konvergenzzone“ zusammenfasst. Das ist in der Nähe des Äquators.

Mauersegler legen bis zu drei Eier. Ihre Nester sind kaum gepolstert, höchstens mit ein paar Federn, die sie im Fluge erhaschen. Nach etwa drei Wochen Brutzeit schlüpfen die Jungen, die dann noch einmal etwa 40 Tage bis zur Flugfähigkeit brauchen. Gibt es Anfang Juni noch einmal einen Kälteeinbruch, können die Elterntiere hoch oben in der Luft keine Insekten erbeuten. Dann werden sie entweder mit den Jungen im Nest ausharren oder vor dem Wetter flüchten, in Gebiete jenseits der Alpen. Die Wetterflucht ist eine Spezialität der Mauersegler. Solange die Eltern fort sind, verfallen die Jungen im Nest in eine Hungerstarre und können so bis zu zwei Wochen ohne Nahrung überleben. Zweimal in meinem Leben habe ich einen Mausersegler vom Boden aufgelesen. Im ersten Fall kenne ich die Ursache nicht, im zweiten Fall hatte sich der Vogel in eine Kirche verirrt und war an den Kirchenfenstern gescheitert. In solchen Fällen brauchen die schwarz-gefiederten Freunde Hilfe. Sie können sich nicht aus eigener Kraft vom Boden abstoßen und in die Luft gelangen. Nicht von ungefähr lautet ihr wissenschaftlicher Name „Apus apus“. Das bedeutet „der Fußlose“. Findet man ein solch hilfloses Tier, hebt man es hoch und kippt es von der flachen Hand, nicht werfen. Sobald der Mauersegler Luft unter die Flügel bekommt, wird er wieder zum Flugkünstler!

Auch sonst brauchen die Mauersegler unsere Hilfe. Die Zeit der kaputten Dächer und desolaten Fassaden geht zu Ende. Mauersegler finden somit kaum Nisthöhlen. Zum Problem des Insektenschwundes kommt eine krasse Wohnungsnot hinzu. Aber zumindest die letztgenannte Bedrohung dieser Vogelart wäre leicht zu beheben. Bringen wir doch an Häusern Nistkästen für Mauersegler an! Die kann man kaufen oder selbst bauen. Nistkästen können in Fensternischen oder an Balkonen in Höhe von mindesten sieben bis acht Metern angebracht werden. Da Mauersegler in Kolonien brüten, sollten mindestens drei Nistkästen neben- oder untereinander angebracht sein. Wenn die Besiedlung nicht gleich im ersten Jahr erfolgt, ist Geduld gefragt. Um die Aufmerksamkeit der Vögel auf die neuen Nistmöglichkeiten zu lenken, gibt es CDs mit Mauerseglerschreien, die man in den Morgen- und Abendstunden abspielen kann. Wer Mauerseglerschreie mittels CDs in den Morgen- und Abendstunden lautstark senden möchte, ist gut beraten, das mit den Nachbarn abzustimmen.

Machen wir doch einfach Magdeburg zu einer vogelfreundlichen Stadt! Vielleicht könnte man bei Wohnungsbaugenossenschaften anregen, dass sie Häuser gleich so bauen, dass Mauersegler, Falken und Fledermäuse Nistmöglichkeiten finden. Prof. Dr. Reinhardt Szibor

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