Die Gerechtigkeit der Selbstgerechten

Überall in Deutschland werden Gerechtigkeitsdebatten geführt. Das ist wichtig und notwendig, aber oft bleibt jeder Ruf nach Gerechtigkeit in einem intellektuellen Nebel. Ein akademischer Einwurf aus aktuellem Anlass.

Gerechtigkeit ist ein großes Wort. „Danach lasst uns alle streben / brüderlich mit Herz und Hand“, fordert es unsere Nationalhymne. Das Streben nach einem Ausgleich oder einer Art Gleichklang für Menschen in allen Lebensdingen ist Ansinnen, soweit man in die Geschichte zurückblickt. Oft kommt unter dem Wort Gerechtigkeit jedoch der konkrete Bezug abhanden und manche gerechte Forderung will in Sphären vordringen, die der Unvorstellbarkeit von Ewigkeit gleichziehen könnte.

In Deutschland gibt es alle Tage neue Statistiken, die beunruhigen können: Armutsberichte, Kriminalitätsstatistiken, BAMF-Mitteilungen, Sonntagsumfrage, Umfragen zur Politik- und Medienverdrossenheit. Sie alle zeigen in den letzten Jahren vermehrt Tendenzen, die bei allem Jubel über die wohlhabendste und erfolgreichste Bundesrepublik aller Zeiten mit dem wertvollsten Pass der Welt beunruhigen oder beunruhigen müssten. Das Gros jedoch versendet sich im medialen Grundrauschen.

So richtig in Wallung aber kommt die Republik, wenn eine hinter den Zahlenwerken verborgene Geschichte ins Rampenlicht rückt. Silvester zu Köln, der Freiburger Fall Maria, die Abschiebung der Duisburgerin Bvisi – allesamt Ereignisse, die die versteckten virulenten Konflikte in unserer Gesellschaft wie im Brennglas gebündelt sichtbar gemacht haben.

Gerade wird das Land wieder von einem solchen Fall umgetrieben. Binnen weniger Tage hat es das Zulassungsverfahren zur Essener Tafel auf hunderte Zeitungsartikel und hunderttausende Kommentare in sozialen Medien gebracht. Bislang löste die Tafelidee eher keine Kontroversen aus, sondern fand ungeteilten Zuspruch. Verschmähte Lebensmittel aus den Supermärkten vor der Entsorgung zu retten und für einen symbolischen Preis an Bedürftige weiterzugeben, ist eigentlich ein Konzept, an dem sich der Zeitgeist kaum stören sollte. Das ist nun anders.

Seitdem der Chef der Tafel in der gebeutelten Ruhrgebietsstadt Essen beschloss, einen Neuaufnahmestopp für ausländische Tafelkunden zu verhängen, ist es vorbei mit dem freundlichen Desinteresse, dass den Verein bislang begleitet hat. Das Problem sei, sagt Jörg Sartor, dass es sich mittlerweile bei drei Viertel der Nutzer um Migranten handle, die überwiegend im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland gelangt sind. Die oftmals robust auftretenden jungen Männer drängelten sich vor, verschreckten die alteingesessenen Tafelkunden, behandelten das Personal schlecht und seien mehr als wählerisch bei erhaltenem Essen. Ganz aus der Luft gegriffen scheint das nicht zu sein: Auch andere Tafeln klagen über Probleme. Im thüringischen Ilmenau beispielsweise würden weibliche Ehrenamtliche von männlichen Asylbewerbern nicht akzeptiert, bisweilen angegriffen und das erhaltene Essen lande trotz Vorbesichtigung oftmals ungenutzt im Müll. Kritiker der Entscheidung wollten solche Gründe aber nicht gelten lassen: „Es regiert der Rassismus“, donnert die Frankfurter Rundschau von der Empore höherer linksliberaler Moral. Wer so entscheide, solle den Verein verlassen. „Essen nur für Deutsche“, twittert die Berliner Staatssekretärin Chebli  wahrheitswidrig, als handle es sich bei der Tafel um eine Vorfeldorganisation der NPD. Dunja Hayali, Fernsehjournalistin und gerade für ihre „Haltung“ ausgezeichnet (auch Meinungen sind zwischenzeitlich preiswürdig geworden), wirft den ehrenamtlichen Tafelbetreibern im Essener Problemviertel vor, Hunger Games zu veranstalten. Der Begriff stammt aus einem Science-Fiction-Film, der davon handelt, wie Unterernährte gezwungen werden, auf Leben und Tod miteinander zu kämpfen. Schließlich meldet sich die Kanzlerin höchstpersönlich zu Wort und verurteilt die Tafel: Solche Kategorisierungen dürfe man nicht vornehmen, das sei „nicht gut“.  Es ist nur der Gipfel der einhelligen Verurteilung, die quer durch das ganze bundesrepublikanische Establishment geht: Politik, Gewerkschaften, Kirchen, Sozialverbände – alle eint die Überzeugung, dass die Entscheidung des lokalen Tafelchefs Jörg Sartor nicht hinnehmbar, ja schändlich sei. Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein:  Sartor würde mit Nazi-Etikett versehen in der Versenkung verschwinden, die Entscheidung zurückgenommen werden, oberflächlich Ruhe einkehren, Klappe zu. Allein: Diesmal ist es anders. Nichtprominente Kommentatoren in den Kommentarspalten der Zeitungen und in den sozialen Medien schäumen. Offenkundig handelt es sich dabei auch nicht nur um AfD-Anhänger, auf deren Mühlen Wasser gelangt ist, wie die übliche Floskel lautet. Und es diskutiert niemand darüber, dass es überhaupt solcher Tafeln in diesem Land bedarf bzw., dass es mit den Jahren immer mehr wurden.

Denn es ist deutlich zu verspüren, wie sich die politisch korrekten Gerechten einen schlanken Fuß machen. Jahrelang hieß es, Verteilungskonflikte infolge der Massenmigration via Asylsystem anzusprechen, provoziere nur Applaus von der falschen Seite. Weitverbreitete Armut inmitten des besten Deutschlands aller Zeiten, in dem wir gut und gerne leben, sei ein populistisches Trugbild. Keinem werde etwas weggenommen. Wo am „Wir schaffen das“ gezweifelt werde, spiele es doch nur den Rechten in die Hände. Wer aber von den großen Welterklärern hat sich in den letzten Jahren um die Misere bei den Tafeln geschert? Vielmehr hat eine sich im Grundsatz einige Elite die Probleme eingerührt, köcheln lassen und tadelt jetzt von der Seitenlinie das Fußvolk, das die Folgen bewältigen soll. Dass der Sozialstaat immer mehr expandiert, immer teurer wird und so ineffizient ist, dass trotzdem ohne fest eingepreiste Ehrenamtliche gar nichts geht: Damit haben die Herolde der Weltoffenheit scheinbar nichts zu tun. Völlig ignoriert wird, dass die bisherige Dreiviertelmehrheit ohne deutsche Staatsangehörigkeit unter den Tafelkunden die Einrichtung selbstverständlich auch weiterhin nutzen kann. Oder dass unter jenen mit deutscher Staatsangehörigkeit sicherlich zumindest in Essen nicht wenige mit Migrationshintergrund sind. Stattdessen werden die Freiwilligen, die die Utopie am Laufen halten, mit Rassismus- und Nazivorwürfen überzogen. Sich vor Ort blicken lassen, ernsthaft nachfragen, Argumentieren, Hilfe anbieten: Findet alles nicht statt. Auf Inhalte kommt es auch gar nicht an, sondern es geht darum, den Störenfried, der die Blase der Illusionen zum Platzen zu bringen droht, aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Das erspart die lästige Konfrontation mit den realen Problemen – und dem eigenen Anteil daran. Das Elitenetzwerk schimpft über die Zustände, als trüge es dafür keine Verantwortung.

Wenn das die Ouvertüre zum Umgang mit weiteren sich abzeichnenden Verteilungskonflikten werden soll – beispielsweise beim Wohnraum oder der Verteilung von Bildungsressourcen – handelt es sich um einen sehr schlechten Auftakt. Denn die frivole Behauptung von Haltungsjournalistin Hayali, über Geld müsse gar nicht diskutiert werden, es sei ja da, wird sich schnell als grober Unfug erweisen. In der Tat sind die öffentlichen Kassen voll. Aber nicht, weil der Staat so gut gewirtschaftet hat, wie eine andere beliebte Phrase lautet. Sondern weil die Konjunktursonne scheint, wozu die derzeit Verantwortlichen aber wenig beigetragen haben. Und auch viel Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Das ist mit den zahllosen Ankündigungen und Versprechen, mit der die Großkoalitionäre ihre Fehlleistungen zugeschüttet haben, bereits geschehen. Eine Rezession würde die künftigen Defizite noch viel früher Wirklichkeit werden lassen.

Erkennbar ist das Modell, die Überbringer schlechter Nachrichten mundtot zu machen oder gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, an seine Grenzen gelangt. Politisch musste schon der Offenbarungseid geleistet werden. Erst hieß es, eine rechtspopulistische Partei wie in anderen europäischen Ländern würde es bei uns nicht geben. Dann hieß es, diese Partei würde schon aus dem Bundestag herausgehalten. Nun sitzt die AfD im Bundestag, jetzt soll sie „gestellt“, „entlarvt“ und isoliert werden. Auftritte wie anlässlich der Essener Tafelkontroverse sind da aber ein Holzweg. Der Journalismus sollte sich hüten, die Fehler der Politik zu wiederholen. An eine bundesrepublikanische Variante von Fox News glauben die Medienschaffenden nicht, auch weil man den Zuschauern der konservativen TV-Trompete mehr mit Verachtung und Herablassung als journalistischer Neugier begegnet. Und es stimmt ja: Die Welt von Fox News ähnelt durchaus der berüchtigten Blase. Aber wie ist das Universum der gerechten Selbstgerechten, die im Chor die Ehrenamtlichen der Essener Tafel als Nazis und Rassisten brandmarken, zu bezeichnen?

Was sich in Deutschland offenbart, ist eine überbordende intellektuelle und akademisierte Sphäre, die theorethisierend über die Realität hinwegrauscht. Gerechtigkeit ergibt sich weder aus Studien, noch aus wissenschaftlichen Arbeiten im Bücherstudium. Schon gar nicht aus politischen Reden oder Proklamationen. Dass es Scheren und Schieflagen gibt, dass sich diese in der Gesellschaft weiterentwicklen, ist eine Tatsache. Was in den vergangenen Jahren aber ebenso viel mehr wurde, sind die Kanäle, auf denen über Gerechtigkeit gefaselt wird. An Rednerpulten, auf Bildschirmen oder Zeitungspapier kann man selbstgerecht Gerechtigkeit ausrufen, aber niemals herstellen. Vielleicht hilft dieser Satz zur Orientierung: Nur wer die eigenen Ungerechtigkeiten benennt, darf Gerechtigkeit fordern!  Markus Karp und Thomas Wischnewski


Prof. Dr. rer. pol. Markus Karp
Professor für Betriebswirtschaftslehre, Marketing, Kommunikation und Dienstleistungsmanagement an der Technischen Hochschule Berlin-Wildau.

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