Politisch oder notwendig?

Parteien neigen dazu, sich mit Dingen oder Entwicklungen zu schmücken, um sie mit der eigenen Progammatik zu verknüpfen. Das Bauhaus erlebte ebenfalls so eine Verkettung. So ist beispielsweise die populäre Behauptung entstanden, das Bauhaus sei von den Nazis verboten worden, seine Mitarbeiter hätten emigrieren müssen. Erst nach dem 2. Weltkrieg hätten die nationalsozialistischen Befreier das moderne Bauen wieder ermöglicht. Daher rührt die häufig transportierte Ansicht, das Bauhaus wäre politisch links zu verorten gewesen. Sicher war die Architektur- und Desinghandschrift vieles, aber auf keinen Fall ein geschlossenes politisches Konzept. Man schrieb die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, in den Jahrzehnten zuvor gab es mit der Industrialisierung gewaltige Umwälzungen. Gründerzeitsiedlungen mit engen, dunklen und feuchten Hinterhofmilieus waren entstanden. Das Wachsen der Industriestädte – so auch das Magdeburgs – war längst nicht abgeschlossen. Hier ist der Gedankenansatz für das neue Bauen zu finden. Für Wohn- und Lebensqualität wurden menschenfreundlichere Ansprüche formuliert. Planen und Bauausführung in der Nachkriegszeit realisierte sich ganz sicher nicht aus einem Fundus leichter Möglichkeiten. Die Funktionalität als auch Neubauten abseits verengter Quartiere zu errichten, lassen sich gut mit dem Erfolg der Bauhaus-Akteure erklären.

Bauhaus-Gründer Walter Gropius wurde Anfang der 1930er Jahre ausgegrenzt und emigrierte schließlich 1934. Bereits 1928 hatte der Schweizer Hannes Meyer die Leitung von Gropius übernommen und sozialistische Direktiven erlassen. Seine Entlassung erfolgte bereits 1930. Mit seinen engsten Mitarbeitern ging er in die Sowjetunion. Die Schließung des Bauhauses Dessau erfolgte schon 1932 durch eine rechte Stadtratsmehrheit. Unter Stalin mussten übrigens mehrere emigrierte Bauhäusler ihr Leben lassen. Margarete Mangel, Meyers Sekretärin wurde verhaftet und ohne Prozess ermordet. Bela Scheffler, Antonin Urban und Klaus Meumann kamen in der UdSSR ums Leben, genauso wie der konstruktivistische Architekt Michail Ochitowitsch. Im Gegensatz dazu machte Walter Kratz noch Karriere bei der Deutschen Arbeitsfront im Dritten Reich und arbeitete an manchem Bauprojekt der Organisation mit.

Wilhelm Wagenfeld, Erfinder der berühmten Bauhaus-Leuchte blieb sowohl unter den Nazis als auch in der späteren Bundesrepublik ein gefragter Designer. Die neue Sprache des Industriedesigns fand unter den Nazis keinen Abbruch. Mies van der Rohe, der letzte Leiter des Bauhauses unterzeichnete mit 36 anderen den Aufruf der Kulturschaffenden an das deutsche Volk, für Hitler zu stimmen. Als Designer des Barcelona-Sessels blieb er in Deutschland tätig. 1938 verlies er das Reich in Richtung USA. Einen einhelligen, heldenhaften Widerstand gegen die Faschisten findet man im Bauhaus nicht. Der eigentliche Verdienst bleibt in den Ideen der Zeit und der Umsetzung unter den gegebenen Möglichkeiten. Jugendstil und Gründerzeit hatten zwar hübsche Fassaden hervorgebracht aber dahinter Dunkelheit und Enge verborgen. Diese Errungenschaft kann dem Bauhaus niemand nehmen und dafür gebührt ihm auch die Aufmerksamkeit zum 100. Jubiläum.

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