Olympia, da war doch mal was …

Helmut Kurrat (57), dem Leiter des Olympiastützpunktes Sachsen-Anhalt (OSP). Foto: Peter Gercke

Um den Hochleistungssport in Magdeburg ist es in den zurückliegenden Jahren spürbar ruhiger geworden. Der berühmte Funke wollte sowohl in London (2012) als auch vergangenes Jahr in Rio nicht so recht überspringen. Sicher gibt es dafür nicht nur eine Ursache. Zu einem nicht unwesentlichen Teil hängt es allerdings mit jenem „Formtief“ zusammen, in dem sich die Kanuten, Ruderer, Schwimmer und Leichtathleten des SCM sowohl an der Themse als auch am Zuckerhut präsentierten. Von olympischem Gold, wie noch in Peking (Conny Waßmuth, Andreas Ihle), können Aktive aus der Landeshaupt derzeit wahrlich nur träumen.
Seit Rio sind bereits wieder zehn Monate ins Land gegangen. Wie ist der aktuelle Stand bei unseren olympischen Hoffnungen? Was kann der sportinteressierte Magdeburger von seinen Stars in Paris 2020 erwarten? Und was nicht? Um dazu eine Meinung aus kompetenter Sicht einzuholen, traf sich MAGDEBURG KOMPAKT mit Helmut Kurrat (57), dem Leiter des Olympiastützpunktes Sachsen-Anhalt (OSP). In ihm sind die beiden Standorte des Landes, Magdeburg und Halle, vereint.
Natürlich, die Ergebnisse von London (einmal Bronze) wie auch die leichte Steigerung in Rio (einmal Gold, einmal Bronze) versetzen den OSP-Chef nicht in Begeisterung. Auch der für den Sport in Sachsen-Anhalt zuständige Minister Holger Stahlknecht (CDU) hatte nach Rio in einem Interview mit dieser Zeitung angemerkt: „Generell muss natürlich der Sport selbst die Frage beantworten, ob zwei Medaillen die Grenze darstellen oder wir künftig mehr erhoffen dürfen.“
Kurrat sagt heute: „Der Abwärtstrend ist zumindest gestoppt. Ich hoffe, dass wir uns jetzt langsam wieder aus der Talsohle herausbewegen.“ Auf einen entscheidenden Fakt weist er gleich zu Anfang hin: „Als OSP sind wir ein Dienstleister fast ohne Richtlinienkompetenz. Somit haben wir kaum direkten Einfluss auf die Athleten und ihre Trainer. Für die Entwicklung der reinen sportlichen Leistungen sind zu allererst die Spitzenverbände zuständig.“
Aus der Verantwortung ziehen will sich der frühere SCM-Handballer (der mit seinem Team sechs DDR-Meistertitel gewann und 1981 Europapokalgewinner der Landesmeister wurde) dennoch nicht. „Ich muss einräumen, dass es uns nicht überall gelungen ist, unsere sportwissenschaftlichen und trainingsmethodischen Kompetenzen, über die wir zweifellos verfügen, in den Trainingsprozess vor Ort einzubringen“ sagte er nach den Spielen. „Es ärgert mich, dass wir da die Leine zu lang gelassen haben. Aber, das muss ich an dieser Stelle auch sagen, das setzt Bilateralität voraus. Wir haben klare Angebote unterbreitet, aber wir können niemanden zwingen, mit uns zusammenzuarbeiten.“
Dass die Sache mit den olympischen Disziplinen in Sachsen-Anhalt nicht allein dem Sport überlassen wird, lässt sich schon daraus entnehmen, dass sich der Minister mittlerweile selbst eingeschaltet hat. Er möchte, betont er, dass „auf jeden Fall eine ernsthafte Diskussion“ über Möglichkeiten und Chancen im Land geführt wird. „Deshalb habe ich eine Arbeitsgruppe Spitzensport ins Leben gerufen, in der Repräsentanten aller verantwortlichen Bereiche des Landes, wie Olympiastützpunkt, Landessportbund, die beiden leistungssporttragenden Vereine SC Magdeburg und SV Halle sowie das Bildungsministerium vertreten sind.“
Da wir uns mitten im nacholympischen Jahr befinden, hält sich Kurrat, bei aller optimistischen Grundstimmung („Wir verfügen über ein solides Potenzial in Magdeburg und im Land.“), mit konkreten Prognosen zurück: „Viele etablierte Athleten halten sich 2017 zurück, gönnen sich eine Pause.“ Da fällt eine genaue Kräftebestimmung erfahrungsgemäß schwer. Ein entscheidender Punkt sei es, sagt er, wie sich in den nächsten beiden Jahren die sogenannten Anschlusskader, also Junioren und junge Senioren, entwickeln. Ob sie zur Spitze aufschließen können. In einem legt sich der OSP-Leiter allerdings fest: „Die Zeiten, da Sachsen-Anhalts Athleten von den Spielen zehn Medaillen mitbrachten, sind vorbei. Realistische Erwartungen gehen in Richtung zwei bis vier Plaketten, bestenfalls fünf.“ Einiges hänge auch davon ab, ob es im Handball gelingt, einen oder mehrere Akteure vom SCM in das deutsche Olympiateam zu bekommen. Zur Erinnerung: Die einzige Medaille für Magdeburg in Rio gewann Handballer Finn Lemke (Bronze).

Helmut Kurrat geht für MAGDEBURG KOMPAKT die vier in der Elbestadt betriebenen olympischen Sportarten durch:

Kanu

Hier vollzieht sich alles in allem eine erfreuliche Entwicklung. Das gilt insbesondere für den Bereich der Kanadier bei den Männern und die Kajakfahrerinnen. Hier strebt der Nachwuchs zusehends nach Plätzen in den nationalen Mannschaftsbooten. Athleten wie Yul Oeltze, Felix Gebhardt und Michael Müller überzeugten bei den jüngsten Weltcups. Die beiden Kajakfahrerinnen Nina Krankemann und Jasmin Fritz machen von sich reden. Nachholbedarf herrscht vor allem bei den Kajak-Männern, wo bei den zurückliegenden Ringespielen Olympiasieger wie Mark Zabel und Andreas Ihle sowie Weltmeister Björn Bach die Messlatte sehr hoch gelegt haben.
Dennoch, warnt Kurrat, die Hoffnungen sollten nicht ins Unermessliche wachsen. Denn im schwarz-rot-goldenen Team für Tokio sind im Kanu nur sehr wenige Plätze zu vergeben. Und die werden möglicherweise von Doppelstartern wie dem mehrfachen Olympiasieger Sebastian Brendel noch weiter reduziert.
Erfreulich abseits aller olympischen Planungen: Kanu verzeichnet wieder einen größeren Zulauf bei Kindern und Jugendlichen. Kurrat: „Um dem Zustrom gerecht zu werden und all die zusätzlichen Boote unterzubringen, sehen wir uns gemeinsam mit der Stadt gezwungen, gar eine neue Bootshalle zu errichten.“

Rudern

In Magdeburg bleibt der Skullbereich der Schwerpunkt. Nach dem Karriereende von Vorzeige-Ruderer Marcel Hacker hat Trainer Roland Oesemann fünf junge Athleten um sich geschart, die für die Zukunft einiges versprechen: Philipp Syring, Max Appel, Steven Weidner, Jan Berend und Tabea Kunert. Am weitesten sind Syring und Appel, die in diesem Frühjahr schon einmal den Sprung in eines der deutschen Nationalmannschaftsboote, den Doppelvierer, geschafft haben.

Schwimmen

Erfreut registriert der OSP-Chef „die erstaunliche Entwicklung“ bei den Langstreckenschwimmern. „Zwei Olympiateilnehmer in Rio, Franziska Hentke und Florian Wellbrock, zeugen von einem konsequenten Herangehen in der Trainingsgruppe von Coach Bernd Berkhahn.“ Die Erwartungen gehen jetzt dahin, dass bei internationalen Höhepunkten „der Knoten platzen muss und sich eine Franziska Hentke auch einmal mit einer Medaille belohnt“.
Im Freiwasserschwimmen ruhen die Hoffnungen vor allem auf Finia Wunram und Rob Muffels. Kurrat: „Ich hoffe, dass sie schon bei den deutschen Meisterschaften, die diesmal erstmals auf dem Barleber See ausgetragen werden, ihre Klasse zeigen können.“
Noch unklar ist im Zusammenhang mit der im Dezember 2016 beschlossenen Reform im gesamten deutschen Sport die weitere Struktur im Schwimmen in Sachsen-Anhalt. In der offenen Frage, wie beim Bundesstützpunkt entschieden wird – Halle, Magdeburg und Potsdam stehen zur Disposition – soll Anfang Juli eine Antwort vorliegen. Sie könne gegebenenfalls auch Einfluss darauf haben, wo der eine oder andere Magdeburger Spitzenschwimmer künftig trainiert.

Leichtathletik

International ist es in den zurückliegenden Jahren ziemlich ruhig um die Magdeburger Leichtathleten geworden. Ihr Star Martin Wierig, in London 2012 noch Olympia-Sechster, verpasste sogar die Qualifikation für Rio. Dennoch verfügt der SCM über eine der stärksten Diskuswurfgruppen in Deutschland. Neben Wierig gehören zum Team von Trainer Armin Lemme Anna Rüh, David Wrobel und die hoffnungsvollen Nachwuchs-Werfer Torben Brandt und Henrik Janssen. Kurrat: „Wir hoffen, dass Martin Wierig wieder in der internationalen Spitze mitmischt.“ Außer den Werfern, wo Speer-Ex-Weltmeister Matthias de Zordo den Klub nach vier, vor allem durch langwierige Verletzungen geprägten Jahren wieder verlassen hat, konnte bisher nur Nachwuchssprinter Tom Bartels auf sich aufmerksam machen. Kurrat: „Seine internationalen Chancen sehe ich vorerst darin, sich eventuell für die Staffel qualifizieren zu können.“
Neben den Sommersportarten hat sich Magdeburg in den letzten Jahren erstaunlicherweise einen Namen im Wintersport gemacht. Und zwar mit den beim Mitteldeutschen Sportklub (MSC) angesiedelten Bob-Anschiebern. „Obwohl sie erst seit fünf, sechs Jahren dabei sind, haben sie sich“, registriert Kurrat erfreut, „eine feste Position im Leistungssport in Sachsen-Anhalt erarbeitet. Das ist ein Projekt, das lebt und auf Langfristigkeit angelegt ist.“ Mit Marko Hübenbecker und Kevin Korona besitzen zwei Athleten gute Chancen, in den deutschen Olympiabobs bei den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang dabei zu sein.
Fasst man alles zusammen, bestätigt sich einmal mehr die alte Erkenntnis: Magdeburgs olympische Hoffnungen werden auch in Zukunft vor allem mit dem feuchten Element zu tun haben. Oder eben, siehe Bob-Anschieber, mit einem anderen Aggregatzustand des Wassers: dem Eis. Rudi Bartlitz

Zurück