Eine Stadt des neuen Bauwillens

Streng symmetrisch präsentierte sich die Kassenhalle den AOKVersicherten im Jahr 1927.

Als am 1. April 1912 mit Aufhebung der Festungskommandantur das endgültige und von vielen Magdeburgern ersehnte Ende der Festungszeit kam, erfasste sofort eine allgemeine Aufbruchstimmung die Elbestädter: Magdeburg wollte sein Image als graue Industriestadt und martialische Festung abschütteln. Doch die wirtschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg beschränkte die Bautätigkeit trotz aller Bedürftigkeit vorerst. So entstanden in erster Linie Notbehausungen. Auch versuchte man durch Umnutzung von Gebäuden Wohnraum zu schaffen. Das soziale Elend durch Massenarbeitslosigkeit und Inflation ließ sich dadurch nicht beseitigen: Wilde Wohnlaubengebiete und Wohnwagenlager entstanden.

Dass der „Neue Bauwille" in Magdeburg seine bis heute sichtbare Gestalt annehmen konnte, hatte somit seinen Grund in der Wohnungsnot. Zwar hatte die Stadterweiterung bereits ab 1870 nach und nach das Bild im Süden und an der Nordfront verändert. Für einen Großteil der Bevölkerung herrschten jedoch immer noch baulich wie hygienisch unzumutbare Wohnbedingungen. Die Anzahl der Einwohner hatte sich von 151.000 im Jahr 1886 auf 290.000 im Jahr 1925 fast verdoppelt.

 

Leistungsschau in der 1921 errichteten Halle „Land und Stadt” (heute Hermann-Gieseler-Halle).

Eben noch durch den Festungsgürtel in eine unbewegliche Position gezwängt, sollte sich Magdeburg bald als „Stadt des Neuen Bauwillens” präsentieren. Im neuen Stil entstanden gleichermaßen Wohnhäuser wie Kulturbauten, Verwaltungs- und Gewerbegebäude. Der damalige Oberbürgermeister und Sozialdemokrat Hermann Beims kümmerte sich ab seiner Wahl 1919 um das, was am dringendsten gebraucht wurde: Wohnraum für alle. Aber nicht um irgendwelchen, sondern mit einem gewissen Anspruch „auf Gesundheit, auf Wohlbefinden, auf Sonne, auf gute Luft, auf gute Kinderspielplätze und Grünanlagen...“. Diese Entwicklung ist insbesondere mit einem Namen verbunden: Bruno Julius Florian Taut, Architekt und als Avantgardist dem Stil der Bauhaus-Bewegung verpflichtet. Taut trat 1921 seine Stelle als Stadtbaurat an und war ein Visionär, der seiner Zeit voraus war. Die Neuauflage der städtebaulichen Zeitschrift „Frühlicht” leitete er mit dem Satz ein: „Von Magdeburg nimmt nun ein Frühlicht seinen Lauf.” Neue Formen und farbige Fronten sollten der eintönigen Industriebauweise ein freundliches Gesicht geben. Allerdings überzog er dabei: Er sah die Bautätigkeit der Gründerzeit aus einem anderen Blickwinkel, nämlich als „Magdeburgs dritte Zerstörung" – nachdem zuvor der Dreißigjährige Krieg und Napoleon ihre Spuren hinterlassen hatten. Allerdings wurden zwischen den Jahren 1925 und 1929 westlich der Magdeburger Innenstadt 2.000 Wohnungen realisiert. Der Avantgardist Taut erarbeitete einen Generalsiedlungsplan für die „Stadt des Neuen Bauens“, der das gesamte Stadtgebiet umfasste. So sollten die Wohnungen durchschnittlich 63 Quadratmeter haben und Platz für vier bis fünf Personen bieten. Jedoch konnten auf Grund der wirtschaftlichen Misere viele Entwürfe nicht verwirklicht werden: „Der Generalsiedlungsplan ist fertig und es gibt nichts zu tun", klagte der Architekt Taut zur damaligen Zeit.

 

Pferdefiguren an der Stadthalle Magdeburg, errichtet zur Theaterausstellung 1927.

Doch Taut war auch umstritten und deshalb jubelten nicht alle Magdeburger. So bunt wie in der heutigen Otto-Richter-Straße waren viele Gebäude auch auf dem Breiten Weg zu finden. Auf Tauts Farbkonzepte reimten die Magdeburger den Vers: „Schaut, schaut, was wird da gebaut, ist denn keiner der sich’s traut und dem Taut den Pinsel klaut?” Die „Bunte Stadt” bekam in dieser Blütezeit der Moderne eine „Große Architektur für kleine Leute”. Als das Warenhaus der Gebrüder Barasch am Alten Markt im Herbst 1921 in einer bunten Farbenpracht erstrahlte, schrieb die „Magdeburgische Zeitung”, das Warenhaus sähe aus wie ein „schrecklich tätowierter Indianer”.

In der kommunalen Wohnungsbaupolitik spielten auch die Genossenschaften eine große Rolle. Die gemeinnützige Bautätigkeit sollte Wohnraum zu erschwinglichen Preisen für alle schaffen. Die Konsequenz: Umsetzung des sozialen Wohnungsbaus nach den Prinzipien des neuen Bauens in großem Stil. Zu den Prinzipien zählten die einfache Gestaltung, intensive Farbgebung, ansprechende Architektur der Gebäude sowie seine klar gegliederte Anlagen. Bei all dem stand der Mensch im Mittelpunkt, war Maßstab aller Planungen.

 

Empfangsgebäude des Bahnhof Buckau), das von 1926 bis 1928 errichtet wurde.

Eine Besonderheit im Baugeschehen bilden die Gartenstädte. Die Idee zu diesen Siedlungsprojekten stammt aus England. In Deutschland gewannen diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Popularität und waren getragen vom Geist der aufkeimenden Lebensreformbewegung, die ein neues Verhältnis von Mensch, Natur und Kultur propagierten. Die Menschen sollten mit Siedlungsprogrammen an den Boden gebunden werden. Als Widerpart zur vermeintlichen Entwurzelung der Arbeiterschaft in den Fabriken diente der Einsatz von Spaten und Hacke auf der eigenen Parzelle. Als erste Gartenstadt entstand der „Hopfengarten”, 1909 vorwiegend für Familien aus der Mittelschicht gegründet. Der Plan dieser Siedlung gehört zu den ersten veröffentlichten Gartenstadtkonzepten in Deutschland überhaupt und gewann daher Leitbildcharakter für spätere Entwürfe. Ab 1911 entstand mit einfachsten Mitteln und möglichst kostengünstig die Gartensiedlung „Reform”, eines der ersten Siedlungsprojekte des Architekten Bruno Taut. Er war der Ansicht, dass der Architekt nach Art eines Ingenieurs arbeiten müsse, der „die Normalfamilie mit drei Kindern als den Betrieb ansieht, für den er Maschinen und die Fabrik konstruiert".

In den 20er Jahren boten die Siedlungen das Experimentierfeld für Bauen mit Farbe. Weiterhin entstanden die Gartenstadtsiedlungen Eichenweiler und Lüttgen-Salbke, Westernplan, Brückfeld sowie die Stadtrandsiedlungen Kreuzbreite, Eulegraben, Birkenweiler und Lindenweiler. Außer Wohnhäusern waren es Gebäude wie die Markthalle „Land und Stadt”, die AOK, das Telegrafenamt und die Stadthalle, die von dieser Neugestaltung zeugen. Architekten und Stadtbauräte wie Bruno Taut, Johannes Göderitz und Carl Krayl prägten Magdeburgs Bauwesen. (rf)

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