Den Magdeburgern geht ein Licht auf

Ganz so leicht fiel den Magdeburger Stadtvätern die Entscheidung nicht, am Ende des ausklingenden 19. Jahrhunderts eine eigene Stromversorgung zu installieren. Trotz der Befürchtung, sich Konkurrenz zur gerade errichteten Gasanstalt in die Stadt zu holen, gründete sie 1896 das erste Elektrizitätswerk als Tochtergesellschaft der Allgemeinen Elektrizitätswerk-Gesellschaft Berlin (AEG). Auf städtischem Grund und Boden an der Wittenberger Straße erbaut, floss am 16. August 1896 der erste Strom durch die Leitungen. Das Zögern hatte sich gelohnt:  Mit der relativ späten Investition in den Strom konnten die Betreiber schon auf die neueste Entwicklung der Forschung setzen. Denn erst 1891 entschied sich der Expertenstreit um Gleichstrom oder Drehstrom/Wechselstrom. Auf der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main zeigte ein Experiment, dass der Transport von Drehstrom über größere Entfernungen machbar ist. Und so setzte die AEG in Magdeburg von Anfang an auf reine Drehstrom-Erzeugung und -Versorgung im Stadtnetz – ein Standard, der sich nach und nach überall durchsetzte.

Am 18. Juli 1899 rollte die erste elektrische Straßenbahn auf Magdeburgs Straßen.

In der Anfangszeit diente der Strom in erster Linie zur Beleuchtung der Stadt. So prägten in den folgenden Jahren immer mehr Trafosäulen als Werbeträger das Straßenbild. Viele der privaten Haushalte hielten sich bei der Umrüstung auf elektrisches Licht zurück. Gründe waren die recht hohen Kos-ten für den elektrischen Strom. Nur wenige vermögende Bürger konnten sich den Luxus des elektrischen Lichtes zum Teil bis in die zwanziger Jahre leisten. Der Großteil der Magdeburger blieb anfangs bei den Petroleumlampen oder Gaslicht. Um dennoch die Stromabnahme zu verstärken und vielseitiger zu strukturieren, bemühte sich die Elektroindustrie Anfang des 20. Jahrhunderts, elektrische Haushaltsgeräte zu vermarkten. Zu Sonderkonditionen mit hohen Rabatten und Ratenzahlungen wurden bereits elektrische Bügeleisen, Waschmaschinen, Wäschemangeln, Nähmaschinen, Kaffeemaschinen, Eierkocher, Brotschneidemaschinen, Wärmekissen und sogar Kinderspielzeug in Form von Elektroherden in Umlauf gebracht.

Ein denkwürdiger Tag für die Magdeburger war der 17. Juli 1899. Die elektrische Straßenbahn eröffnete ein neues Zeitalter in der Personenbeförderung. Mit Hurra-Rufen setzte sich der erste elektrische Triebwagen vom Johannisberg über die Zollbrücke zum Werder in Bewegung. Um 1900 gingen zwei Drittel des erzeugten Stromes an den Fahrbetrieb der Straßenbahnen. In dieser Zeit brodelte es aber auch schon auf dem Strommarkt: Die ständigen Stromschwankungen, zahlreiche Betriebsstörungen und zu hohe Preise der AEG verstimmten die Herren des Magistrates. Und so beschlossen die Stadtväter, die Stromerzeugung selber in die Hand zu nehmen. Mit der Übernahme der Stromversorgung durch die Stadt am 16. August 1906 begann der Siegeszug der neuen Energie. Die Stadt baute ein neues Dampfturbinenwerk, das mit zwei Turbinen 1.500 Kilowatt erzeugte (im Vergleich: Das größte Kraftwerk in Deutschland im Süden von Grevenbroich erzeugt 4.400 Megawatt).

Im Zuge der Industrialisierung verlangten immer mehr Betriebe und mittelständische Unternehmen die kontinuierliche Versorgung mit Strom. Dank neuer Transformatorenstationen und der ersten 10.000 Volt Kabel kamen die Stadtteile Buckau mit seiner Industrie, aber auch Cracau, Biederitz und Heyrothsberge ans Stromnetz. Die Zahl der Haushaltsanschlüsse wuchs rasant und verdoppelte sich von 3.308 im Jahr 1906 auf 6.559 im Jahr 1913. Auch die Anzahl der Glühbirnen – 1906 waren es 114.462, 1913 bereits 287.870 Stück – verdeutlicht, wie schnell von nun Strom in die Haushalte einzog. Neue Kraftstationen kamen hinzu, die Anzahl der Hausanschlüsse und Stromabnehmer stieg ständig. „Vermehrung des Elektrizitätsverbrauchs bringt Fortschritt” rieten die E-Werke ihren Kunden und die sorgten mit der Anschaffung „elektrischer Heinzelmännchen” im Haushalt für eine rasante Zunahme des Stromverbrauchs. 1923 nahm der deutsche Rundfunk seinen Sendedienst auf. Von da an zogen auch die Radiogeräte mit zum Teil immensem Stromverbrauch in die Haushalte ein und sorgten für einen noch schnelleren Ausbau der E-Anschlüsse an die Haushalte. Und für die Haushalte, die keinen Strom hatten, gab es ab 1933 den sogenannten „Volksempfänger”, das Sprachrohr der Nationalsozialisten, auch mit Batteriebetrieb.

Bedienschrank der ersten Schaltwarte im Kraftwerk.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges floss als Folge der Zerstörung Magdeburgs Strom nur noch auf Sparflamme. Die massiven Bombenangriffe im letzten Kriegsjahr zerstörten einen Großteil der Infrastruktur und die Kraftwerke. Fehlende Leistung glichen die Werke durch Absenken der Netzspannung aus. Sperrzeiten regulierten den Stromverbrauch. Und wo die Versorgung einigermaßen wieder funktionierte, führte die „von oben” angeordnete Demontage als Reparationsleistung zu Rückschlägen.

Die Magdeburger gaben nicht auf und konnten „voller Spannung” in eine neue Zeit aufbrechen. Auch die Planwirtschaft zu DDR-Zeiten brauchte „Saft aus der Dose”. Vor allem der Wohnungsbau mit bis dahin noch nie realisierten Projekten, brachte viele neue Abnehmer. 1985 hielt die Elektronik Einzug bei der Steuerung des damaligen „VEB Energiekombinat Magdeburg”. Neue Zeiten – neue Wege. Nach der Wende findet die staatliche Planwirtschaft ihr Ende. Im Jahr 1992 beschlossen die Stadtverordneten die Gründung der Städtischen Werke Magdeburg GmbH (SWM Magdeburg). Als Grundstein für die SWM Magdeburg wurde die Gasversorgung eingebracht. Im Mai 1993 folgte die Stromversorgung, wenige Monate darauf kamen die Geschäftsbereiche Wasser und die Betriebsführung für den Städtischen Abwasserbetrieb hinzu. Versorgung aus einer Hand, erreicht durch die Bündelung von Kompetenzen, die ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Region sind.

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