Mit oder ohne …

Eigentlich wollte ich mir den grauen, kalten Novembertag mit meinem Freund versüßen. Beim gemeinsamen Plätzchenbacken, versteht sich. Gemütlich in der Küche werkeln, schöne Musik hören und eine heiße Schokolade trinken. Oder auch einen Glühwein – das ist ihm vermutlich lieber. Die Vorbereitungen dafür hatte ich bereits getroffen: Die Zutaten waren gekauft, die Musik tönte leise aus den Lautsprechern und ich war sogar bereit gewesen, einige meiner Lieblingsplätzchen aus dem diesjährigen Repertoire zu verbannen, damit wir die Leckereien backen konnten, die seine Mutter in der Adventszeit zubereitet. Das einzige Problem: Er war nicht anwesend. Er hatte sich mit einem Freund in der Stadt treffen wollen, um ihm bei einem Computer-Problem behilflich zu sein. Spätestens 15 Uhr würde er wieder zurück sein, so seine Auskunft, bevor er sich aus dem Staub gemacht hatte. Da ich nicht ewig warten wollte, hatte ich schon ohne ihn angefangen. Erstmal alle Zutaten für die eine Plätzchensorte abwiegen. Ein paar Momente innehalten – keine Schritte im Treppenhaus zu hören. Dann den Teig kneten. Wieder eine Pause – kein Schlüssel, der das Türschloss öffnet, zu hören. Den Teig ruhen lassen und inzwischen die Zutaten für einen weiteren Teig vermengen. Erneutes Unterbrechen der Tätigkeit – keine Tür, die ins Schloss fällt, zu hören. Allmählich wurde ich wütend. Wo steckte er denn? Was machte er, während ich nunmehr alle Varianten, die auf unserem Plan standen, zubereitet hatte? Die heiße Schokolade war nicht mehr heiß und auch der Glühwein glühte nicht mehr. Die CD mit den Weihnachtsliedern rotierte in einer Endlosschleife und bereits jetzt, an meinem ersten persönlichen Vorweihnachtstag, konnte ich die Musik nicht mehr ertragen. Ich entschied mich dennoch, die erste Sorte der Plätzchen fertigzustellen. Der Backofen wurde vorgeheizt, der Teig ausgerollt, ausgestochen und schließlich verziert. Und während die ersten Gebäckstückchen in der Hitze eine gold-braune Färbung bekamen, war die nächste Sorte an der Reihe. Irgendwann flog die Küchentür auf, mein Freund trabte schnüffelnd herein und verkündete, wie herrlich es doch dufte. Bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, schnappte er sich eine der verbliebenen Schüsseln, kostete den rohen Teig und wagte zu fragen, warum ich mich nicht an das Rezept seiner Mutter gehalten habe. Vielleicht findet Weihnachten doch ohne statt … Leonie Felix

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