Langsamer Leser: Ein neuer Geist, ein neues Herz

Nun haben wir über Gott und die Welt, die ganze Politik gesprochen.“ Natürlich auch über die Terrorangst, über den Politikbetrieb, der sich mit immer neuen Sicherheitsprophetien in gnadenloser Hektik längst über alle Glaubwürdigkeitsgrenzen redet. Es wäre ja zum Lachen, wäre es nicht so traurig, wie automatisch nach Silvester in gespannter Bedrohungshaltung Politik wie Presse auf Köln sahen und unmittelbar auf die Kontrollen und deren Ergebnisse die Drohungen gegen unwillige nordafrikanische Staaten schon reflexhaft (Sehet, Volk, ich bin der erste, kompetenteste, schärfste Sicherheitspolitiker!) ausgestoßen werden, bis am Ende die Kölner Polizei – mit zwei Wochen Verzug – sich korrigieren muss, weil die Silvester kontrollierten Nafris („nordafrikanische Intensivtäter“, also völlig unrassistisch, nur ein Terminus technicus) aus ganz anderen Gegenden dieser Erde stammten (pardon, aber da kommt mir einfach wieder dieser Polizeiwitz mit dem Schreiben und dem Lesen in den Sinn, man möge es mir nicht für übel nehmen). „Wie können wir das Ergebnis zusammenfassen? Was haben wir aus unserer Diskussion gelernt?“ Die ältere Dame neben mir schaut mich an. „Gelassenheit“, sagte ich. „Ja, wahrscheinlich ist das so. Mehr Gelassenheit. Da haben Sie Recht“, antwortete sie. „Und jetzt freue ich mich auf einen Kaffee und eine Zigarette.“
Da ging es auch um die deutsche Terrorangst, und das diese in keinem Verhältnis zu den jährlichen Verkehrstoten stehe, um die Trumpangst, um den Einsturz der Demokratie, weil an der Magdeburger Universität linke Studierende politisch unkorrekt in einer AfD-Veranstaltung demonstrierten (die Chaoten kommen immer von links), um Putin und die Vogelgrippe. Dagegen hält Angela Merkel das Schild „Maß und Mitte“ hoch. Als Richtungsweisung für künftige Wahlen. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor?
Wie heißt es doch in dem Konfuzius zugeschriebenen Li Gi, dem „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“: „Der Meister sprach: Die Menschen sagen alle: Ich weiß. Aber sie stürzen blindlings vorwärts und verwickeln sich in Netze und Stricke, in Fallen und Gruben, und keiner ist, der sie zu meiden wüsste. Die Menschen sagen alle: Ich weiß. Aber wenn sie Maß und Mitte erwählt haben, so können sie nicht einen Monat lang daran festhalten. Der Meister sprach: Hui (der Lieblingsjünger des Konfuzius) war als Mensch so, dass er Maß und Mitte wählte; und wenn er ein Gutes erlangt hatte, so hielt er es mit beiden Händen in seinem Busen fest und verlor es nie wieder. Der Meister sprach: Es kann einer ein Reich ins gleiche bringen, es kann einer auf Amt und Würden verzichten, es kann einer auf bloße Messer treten – und Maß und Mitte doch noch nicht beherrschen.”
Nur keine neuen Ideen vor der Wahl. Das stellte Menschen ja vor eine Wahl. Freilich, leise Klänge einer Kapitalismusreform sind da zu hören, also der alte Gedanke von der gerechten Gesellschaft taucht da wieder auf, nachdem er über eine Generation verteufelt war.
Als langsamer Leser las ich kürzlich in einem Buch, das nach wie vor bei mir in der Handbibliothek steht. Es ist nicht leicht zu lesen und wenn man es nur mal so zur Hand nehmen will, bleibt man meist irgendwann stecken, um festzustellen: Diese Welt ist mir zu fremd. Es ist ein Buch, das von vornherein auf Kommunikation angelegt ist, weshalb es gut ist, sich vor einem enttäuschenden Selberlesen einen kundigen Partner zu suchen. Es ist manchmal geheimnisvoll, aber man muss es entschlüsseln können. Zwischen uns und den Schreibern liegen zwei- bis dreitausend Jahre.
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Nicht mehr und nicht weniger steht auf dem Spiel, wenn wir darüber nachdenken wollen, wie wir zu einem demokratischen Konsens kommen. Mit der einfachen Behauptung, das Volk zu sein, macht man sich zum Retrorevolutionär, der von vornherein öffentlich und lauthals ausschließt, eine Idee für die Zukunft auch nur haben zu wollen. Herr Trump hat zwar Ideen, vor allem für das Umsatzplus der Rüstungsindustrie – aber unterhalb all dieser lauten Angst-, Schrei- und Twitterakrobaten ist zu spüren, dass in Graswurzelarbeit für das neue Herz und den neuen Geist der Boden bereitet wird: Meine obige Gesprächspartnerin, Mittsiebzigerin, auf dem Lande lebend, sagte beispielsweise: „Für Fleisch, von dem ich weiß, dass es von Tieren stammt, die ein gutes Leben hatten, würde ich gern mehr Geld bezahlen.“ In der Gesellschaft wächst allmählich der Willen, das Konzept agrarindustrieller Produktion zu verlassen. Das wird noch etliche Jahre dauern, aber die einfache Formel „Die Menschen wollen das so. Die wollen billiges Fleisch“ klingt nicht mehr so überzeugend. Man trägt sie auch immer weniger vor. Dass es einen ganz anderen Ansatz für Gerechtigkeit geben muss, auch in der Zusammenarbeit mit Afrika, spricht sich, nicht zuletzt durch den Einreisedruck, allmählich herum. Die gesellschaftliche Diskussion in unserem Land hat gezeigt, dass sich die Politik nicht mehr auf ihren inhaltsleeren Politiksprech verlassen kann, sondern wieder ins Gespräch mit dem Bürger eintreten muss. Und da muss man sich verantworten gegenüber dem Bürger, der seine Kinder in Schulen bringen muss, die eher wie Bildungsabwehreinrichtungen aussehen. Da muss man konkrete Aussagen treffen, wie man dem Lehrermangel abhelfen kann. Aber das ist eigentlich auch überhaupt nicht problematisch, weil man endlich das tun kann, wofür Politik in erster Linie da ist: Ins Gespräch mit dem mündigen Bürger (der mündig geworden ist, weil er gut politisch gebildet wurde – die Einrichtungen dafür sind ja da) eintreten, in ein wirkliches Gespräch mit „neuem Herz und neuem Geist“, also mit der gegenseitigen Wertschätzung, die unverzichtbar für den Konsens einer Gesellschaft ist. (Eine anschaubare Schule mit einem entsprechenden Lehrerschlüssel, der keine Ausfallzeiten mehr kennt, ist ein Ausdruck solcher Wertschätzung).
Das sei alles viel zu theoretisch? Quatsch. Im Hort der Franckeschen Stiftung in Halle ist das Realität: Da lernen über 200 Kinder der ersten bis vierten Klasse nach der Schule, wie das in einer demokratischen Gesellschaft mit größtmöglicher Lebensfreude zugeht: Aus 25 Nationen stammen die Kinder, alle aus dem umliegenden Wohngebiet. Die gemeinsame Sprache ist deutsch. Wenn sie in Arbeitsgruppen arbeiten, können sie sich beispielsweise auf arabisch einigen, oder eben jede andere Muttersprache. „Nur wer seine Muttersprache pflegt, kann auch eine andere Sprache gut lernen“, sagt man hier. „Ist ‚Afrikanermädchen’ ein Schimpfwort oder nicht?“, heißt eine Frage in der dritten Klasse. Im Ergebnis kommen die Kinder zu dem Schluss: „Eigentlich nicht, aber es kommt auf den Ton an, in dem das Wort ausgesprochen wird.“ Streit gibt es, aber die Kinder lernen, wie man aus einem Streit wieder herauskommt. All diese gekünstelten „Ausländerfragen“ spielen hier überhaupt keine Rolle. Auch nicht, aus welcher sozialen Schicht jemand kommt. „Ein neues Herz und ein neuer Geist.“ So stelle ich mir das vor.
Wir werden nicht umhin kommen: Der Umbau der Gesellschaft hat längst begonnen. Ich glaube, die Menschen begreifen es gerade. Wenn die Politik es nicht begreift, wird sie beim Umbau zusehen müssen. Aber er wird kommen, weil immer mehr Menschen immer mehr Ideen in diese Richtung denken. Ich sprach vorhin übrigens von der Bibel, also dem Buch in meinem Handbuchbereich. Die Jahreslosung für 2017 findet man im Buch des Gottessprechers Hesekiel, Kapitel 36, Vers 26: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Nach dem tschechischen Alttestamentler Milos Bic waren die Gottessprecher die Reformatoren des alten Israel. Insofern ein Wort, das ins Reformations-Jubiläumsjahr passt – und über das weiter nachzudenken sich lohnen wird. Ludwig Schumann

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