Langsamer Leser: Baby, It’s Cold Outside. Baby, Really Me Too.

Als langsamer Leser behellige ich Sie auf dieser Seite nicht mit Nachrichten aus dem Hause AKK mit PS als GSCDU. Ich schreibe nicht von meiner Erleichterung, dass wir in diesem Frühling gleich vom Februar auf den April umschalten müssen, weil der März nicht zur Verfügung steht. Ist doch großartig, dass Blackrock inzwischen nicht mal mehr in der CDU mehrheitsfähig ist. Wie immer ziehe ich meinen Hut vor der zum achten Mal nach „Times“ gewählten mächtigsten Frau der Welt, eben unserer Kanzlerin. Sicher zum Leidwesen unserer Landes-CDU, die, wie es scheint, am liebsten mit ihren Lieblingskoalitionsfreunden mitrufen würde: „Merkel muss weg!“ Sie traut sich nur nicht.

Wir verlegen das lieber auf solche Themen wie Kohlenausstieg, wo unsere CDU so tut, als hätten wir noch alle Zeit der Welt. Der Klimawandel wird schon warten. Wahrscheinlich auf Herrn Poggenburg. Dessen Leuten ist nun endlich gelungen, was die ganze rechte Szene nicht geschafft hat: Dem Magdeburger Oberbürgermeister einzureden, dass es ein weiser Entschluss ist, am 16. Januar in der Stadtmitte ein Vakuum zu schaffen: Keine Meile der Demokratie mehr. Weil da die AfD auch einen Stand hätte. Das hätte die Reinheit der zarten Seelchen von „miteinander“ beschmutzt. Gratulation, Herr Poggenburg! Strategie ist aufgegangen. Sie bestimmen Ort und Zeit und wahrscheinlich nun auch die Themen. Zum Wohlgefallen auch etlicher rechter CDU-Mitglieder. Sind ja nicht alle so links wie Merkel. Die im Osten schon gar nicht. Die sind nicht links, die sind nur zu faul zum Denken. Da ein Vakuum (wir sind doch noch in der Stadt Guerickes? Man hört so wenig von ihm!) sich immer füllt, wird sich die Meile der Demokratie in den nächsten Jahren wohl unter dem aus dem „Horst-Wessel-Lied“ stammenden Slogan füllen:

Die Straße frei
Den braunen Bataillonen
Der Tag für Freiheit
Und für Brot bricht an

Passt aber auch sowas von … Magdeburg, mir graust vor Dir. Mehr trümper kann nicht mal Trump. Die Tragik der Splitterpartei ist seit jeher, dass sie der Steigbügelhalter für das Böse war und ist. Irgendwie gehört das zu ihrer DNA.

Apropos Steigbügelhalter: OB und das kulturelle Umfeld feierten kürzlich im „Forum Gestaltung“ mit dessen Familie postum den 90. Geburtstag eines der wichtigsten deutschen Designer der Post-Bauhaus-Ära, Stefan Wewerka. Wewerka war ein erstaunlicher, überraschender, vor Fantasie übersprühender, äußerst humorvoller, auch grantiger Mensch. Ich hätte ihm gern von der „Prozess Skulptur Gewächshaus“ der Künstler Johanna Bartl, Wieland Krause und Olaf Wegewitz erzählt, die auf Anweisung des Oberbürgermeisters zerstört wurde, schlicht, weil er sie nicht verstand. Man muss dazu wissen, dass die Stadt sich das Kunstwerk vom Kultusministerium erst schenken ließ, um sie nun als Besitzer zerstören zu können.

Ich weiß nicht, ob nach Kenntnis dieser Barbarei Wewerka noch bereit gewesen wäre, seinen Nachlass dieser Stadt anzuvertrauen. Nicht, dass Sie es missverstehen, lieber Leser, ich bin ausgesprochen stolz, dass wir den Nachlass dieses wichtigen, in unserer Stadt geborenen Designers, dessen Patenonkel übrigens Erich Weinert war, der Freund des Vaters Rudolph Wewerka, beide Dozenten an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg, im „Forum Gestaltung“ aufbewahren dürfen. Ich weiß aber auch, dass anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Stadt, weil er seinerzeit in Magdeburg ziemlich unbekannt war, sein Angebot, für den Zeitraum der Feier eine Installation auf dem Domplatz zu errichten, abgelehnt wurde.

Es ist schon ein Kreuz mit der Kunst, ein Kreuz mehr, wenn sich Kunst und Design treffen. Ganz und gar unverständlich freilich wird die Kunst, wo sie sich mit Geschichte, Geografie und Befindlichkeiten einer Stadt trifft, siehe Prozess Skulptur Gewächshaus. Aber wer wissentlich und mutwillig Kunst zerstört, gibt auch Signale. Beispielsweise für Vandalen. Und erst recht für Populisten. Sie sehen, die treffen hier überall auf ausgestreckte Hände. Es lässt sich jetzt schon absehen, dass hinterher wieder niemand etwas gewusst hat. Das kann der metoo-Bewegung nicht passieren.

Erst kürzlich hörte ich zwei wunderbare Versionen ein- und desselben Liedes: Die eine stammte von Tony Bennett und Lady Gaga, die andere von Manfred Krug und Beate Barwandt, wobei hier auch der Text von Krug stammte: Mach’s gut, ich muss geh’n oder Baby, It´s Cold Outside. Kein Sänger oder keine Sängerin von Rang, die sich nicht dieses Lied in den vergangenen Jahrzehnten übergeholfen hätten, diese wunderbare, knisternde, sanft ironische kleine Erzählung vom Verlangen. Es tut mir leid.

Nun erfuhr ich, dass ich es fünfzig Jahre missverstanden habe. Natürlich geht es hier nicht um Ironie, nicht um Knistern, Funken sprühen, nicht um geistvolle, wunderbare Erzählung, sondern um blanken Sexismus. Im Grunde, wenn man sich dem Text wirklich gestellt hätte, hätte man doch sehen müssen, dass dem geifernden Kerl der Schwanz zum Hosenstall zum Dauererguss bereits heraushängt und die arme Unschuld entgegen ihrem Willen notbesabbert wird, denn sie hat nun mal „nein!“ gesagt. Die beiden hatten den Abend miteinander verbracht. Wahrscheinlich eher zufällig, weil er sie mit dem Bundesverdienstkreuz gelockt hat, war sie mit ihm auf sein Zimmer gegangen. Dort unterhielten sie sich stundenlang über Strickmus-ter, bis sie schließlich gehen wollte. Da fing er mit diesem sexistischen Mist an. Es ging ihm um nichts anderes als diesen ganzen sexistischen Kram. Er wollte das Mädchen vögeln. Und sie wollte sich nicht gleich ergeben. Da hätte er von ihr ablassen müssen. Warum sie sich dann aber gegen ihren Willen so schnell ergab, bleibt mir offen gestanden unverständlich. Und natürlich hatte der Kerl auch nicht im Sinn, ihr wenigstens hernach das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Jedenfalls dringt er immer weiter auf sie ein, obwohl sie doch laut und deutlich „nein!“ gesagt hatte.

Aber jetzt wird es interessant. Nun entbrennt in den USA eine Diskussion um das wahre Verständnis dieses hübschen, kleinen, bislang unbescholtenen Liedes: Die Herkunft spricht beispielsweise gegen die offensichtliche Beschreibung einer Vergewaltigung, wie ich sie beispielsweise in meiner grenzenlosen Naivität überhaupt nicht bemerkt hatte: Der Komponist, Frank Loesser, schrieb das Lied seinerzeit für sich und seine Frau. Für seine Filmmusik, zu der dieses ominöse Liedchen gehört, bekam er auch noch einen Oscar. Gut, das besagt freilich nichts gegen die Vergewaltigungs-These. Hollywood eben.

Aber nun gibt es Menschen, die behaupten, man müsse das Liedchen aus seiner Zeit verstehen. So gehe es hier lediglich um „Alibiwiderstand“, den man anständigerweise aufbringen musste in jener Zeit, in der man nicht einfach so ins Bett mit jemandem stieg, ohne vorherige Dauerverpflichtung. „Sie wollte zur Sache kommen und bleiben“, interpretierte der Comedian Jen Kirkmann den Song. Aber die Chefideologinnen der Genderbewegung meinen denn doch, hier gehe es um die Ernsthaftigkeit des „Nein heißt Nein!“: „Denn manchmal kostet Fortschritt etwas – zum Beispiel einen Lieblings-Weihnachtssong. Feministin sein ist hart.“ So Thembi Wolf für bento bei Spiegel online.

Was habe ich für ein Glück, dass ich keine Feministin sein muss. Zum einen, weil Ideologie nirgend weiter hilft. Zum anderen, so jedenfalls habe ich es immer empfunden, hatten wir in der DDR das Problem, so jedenfalls, nicht: Da, wo ich aufwuchs, war die Frau selbstständig, selbstbewusst und ich kann mich nicht erinnern, dass wir ellenlang über Gleichberechtigung verhandeln mussten. Natürlich schlief man nicht miteinander, wenn einer keine Lust hatte oder zu müde war. Natürlich teilte man sich die Hausarbeit, sogar ohne Verabredungen. Natürlich war es kein Thema, wer gerade mehr verdiente. Auch das wechselte. Tut mir leid. Ich bin da wohl anderswo aufgewachsen.

Und deshalb lege ich mir jetzt dieses wunderbare Lied in Manfred Krugs Fassung auf. Und nun wünsche ich Ihnen ein gutes Restjahr und alles Gute für das Neue. Prost. Und denken Sie daran: It´s Cold Outside, Baby. Ludwig Schumann

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