Glaub nicht, was du siehst

Der allgegenwärtige Datenwahn leitet Stück für Stück auch im Sport einen Paradigmenwechsel ein.

Neuerdings wuseln bei Handballspielen auf der Pressetribüne der Getec-Arena stets vier bis fünf Studenten umher. Zuweilen auch Studentinnen. Sie haben Computer mitgebracht und füttern während der 60 Minuten ihre Rechenmaschinen mit Kennerblick unablässig mit Daten. Nach welchem System das geschieht, ist natürlich gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Nur den Auftraggeber kennt man: SCM-Cheftrainer Bennet Wiegert. Aha, sagt sich da der Nicht-Fachmann, Datenanalyse! Hier wird dem Gegner – aber bestimmt ebenso dem eigenen Team – ganz genau auf die Finger geschaut. Was läuft gut, was weniger? Am Ende bleibt da ein Handballspiel, geronnen in schier endlosen Fakten und Zahlenkolonnen. Sie könnten jener Stoff sein, aus denen sich die Träume einer ganzen Generation von Coaches speisen. Der Laie beginnt zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, was das ist – ein Laptop-Trainer.

Doch gemach. Was da in der Magdeburger Halle geschieht, ist vorerst nur ein schnöder Abglanz dessen, was sich seit ein paar Jahren in den USA tut. Dort ist im Sport ein regelrechter Datenwahn ausgebrochen. Frei nach dem Motto: Glaube nicht so sehr, was du siehst, vertrau einfach den Zahlen. Besser noch: Vertrau nur noch den Zahlen. Begonnen hat es mit Technologie-Investor Joe Lacob. Als er das seinerzeit ziemlich erfolglose Profi-Basketballteam der Golden State Warriors kaufte, ließ er dessen Spiel nach allen Regeln der Kunst in Daten zerlegen und sie von seinen IT-Spezialisten wieder komplett neu zusammensetzen. Eine Erkenntnis dabei, so simpel wie ein Ball rund ist: Es muss – im Training wie in der Spielgestaltung – viel mehr Wert gelegt werden auf Drei-Punkt-Würfe. Selbst bei einer Trefferquote von nur 35 Prozent führt ein konsequentes Drei-Punkt-Spiel statistisch zu mehr Punkten, als wenn auf Zwei-Punkt-Würfe gesetzt wird. Das Beispiel der Warriors machte Schule, binnen fünf Jahren stieg in der gesamten NBA die Zahl der „Dreier“-Versuche pro Spiel von 18 auf 27.

Was dem Basketball recht ist, ist dem Tennis nur billig. STATS LLC, das in Chicago ansässige und in der Welt der Sportdatenerhebung führende Unternehmen, hat beispielsweise bei den Australian Open einmal 37.000 Schläge mit Kameras nach allen Regeln der Kunst analysieren lassen, um herauszuarbeiten, wie die Position des Spielers zum Ball und die Haltung des Schlägers zu optimieren sind. „Es sind am Ende winzige Kleinigkeiten, Millimeterdinge“, so die STATSAnalysten, „die den Unterschied ausmachen. Wer die besseren Daten hat, gewinnt.“

Zurück zum Basketball. Die simple Korb-Statistik war nicht der einzige Punkt, wie die FAZ schrieb, bei dem die Warriors Daten in Erfolg ummünzten. Seit 2011 wendet der Klub die aus dem israelischen Militär stammende „Sports VU“-Technologie an. Sie analysiert mit Hilfe von sechs in der Halle verteilten Kameras jede Spielerbewegung im Raum in Echt zeit. Millionen von Datensätzen werden so pro Spiel erzeugt, die den Trainern unmittelbar nach dem Spiel zur Verfügung stehen. Anstatt 200 Spiele auf Video anschauen zu müssen, muss der Coach nur noch auf einen Knopf auf seinem Smartphone drücken, um eine ganz bestimmte Information über einen Spieler oder ein Team zu bekommen. Das Basketballspiel erhielt, so die Erkenntnis in den USA, durch die eingesetzten Datenmengen ein völlig anderes Gesicht. Es sind andere Spielertypen und völlig andere Qualitäten gefragt als früher. Dinge wie Zweikampfstärke spielen eine geringere Rolle als Pass stärke und Übersicht. Der klassische Big Man, der nicht allzu viel mehr kann, als sich unter dem Korb durch zu setzen, hat ausgedient.

Das VU-Prinzip hat übrigens auch seit geraumer Zeit in Deutschland Einzug gehalten. Die gesamte Datenerhebung in der Fußball-Bundesliga basiert darauf. So lassen sich die Laufwege, die zurückgelegten Kilometer und die Positionen je des Spielers in je der Begegnung exakt auf zeichnen – und sind nicht nur den Teams, sondern auch den Medien, und damit einer großen Öffentlichkeit, zugänglich.

Ist also der Tag nicht mehr allzu fern, lautet zuweilen schon die bange Frage, an den Trainer im Sport mehr oder weniger überflüssig werden? Wo dann allein die Daten das Maß der Dinge sind? Wo der Algorithmus, ähnlich den voranschreitenden Automatisierungsprozessen in der Arbeitswelt, künftig alles regelt? Einschließlich der Aufstellung in Mannschaftssportarten, die dann nur auf der Basis neutraler, angeblich unbestechlicher Daten erstellt wird?

In der Sportwissenschaft beginnt sich, soweit übersehbar, eine rege Diskussion darum zu entwickeln. Der Computer, so die derzeit vorherrschende Meinung, wird so rasch keinen Trainer ersetzen können. Im Gegenteil, die neuen Erkenntnisse des Datenwahns werden Trainern und Spielern eher noch mehr Kreativität ab fordern – und nicht weniger. So viel scheint aber ebenso sicher: Die Zeiten, in denen sich zumindest die finanziell potenten Groß-Klubs in den Mannschaftssportarten eigenständige Abteilungen für Datenanalyse zulegen werden müssen (sofern sie nicht schon ansatzweise bestehen), rücken immer näher. Ansonsten ist der Strom der Zahlen nicht mehr zu bändigen. Rudi Bartlitz

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